Bestandsaufnahme Sunbeam T.T. 90 1927

Marke: Sunbeam
Modell: T.T. 90
Baujahr: 1927
Hubraum: 493cc
Leistung: ca. 30 PS
Höchstgeschwindigkeit: ca. 165-170 km/h
Radgrößen: vorn und hinten 21"
Gewicht: 132 kg

Ich erwarb dieses Motorrad als seltene originale T.T. 90 Rennmaschine vom Schweizer Motorradsammler Beat Buholzer aus Rothenburg, der sich mir gegenüber als ausgewiesener Sunbeam Spezialist ausgab.

Er betonte besonders die Unterschiede eines speziellen T.T. 90 Rennmodells, welches nur an ausgesuchte Rennfahrer ausgeliefert und zum Modell 90, welches als käufliche Rennmaschine gut situierten Fahrern zur Verfügung gestellt wurde.
Wie sich im Nachhinein herausstellte, läßt die Fahrgestellnummer aber auf ein 1927er Sport-Modell 9 *1) schließen.

Diese Ungereimtheit war Buholzer sehr wohl bekannt und vermutlich der Grund für die Veräußerung des Motorrades.

Unabhängig davon finden sich viele Modell T.T.90 Teile an diesem Motorrad. Somit weisen Ausstattung und einige Details tatsächlich auf ein T.T. 90 Modell *2) hin, wobei auch der Rahmen Details der T.T. 90 Modelle aufweist und in einigen Punkten vom Modell 9 Rahmen abweicht.
Ähnlichkeiten zu einer Rennmaschine von Graham Walker *6) sind vorhanden.
Graham Walker fuhr seinerzeit als Rennfahrer und Entwicklungstechniker bei Sunbeam einen Prototypen. Walker fuhr keine neue Rennmaschine, sondern lediglich eine kontinuierlich mit neuen Teilen aufgebesserte ältere Maschine.
Das erklärt auch einige Unterschiede zu den anderen vom Werk eingesetzten Maschinen.
Besonders beachtenswert ist die Lage und die Ausführung des Tankdeckels an Walkers Maschine, auf der linken Seite des Motorrades. Ein Detail welches bei keiner anderen T.T.90 / M90 bekannt ist, aber den Weg in den 1927er Verkaufskatalog von Sunbeam gefunden hat.

Nach der jeweiligen Saison wurden die ausgedienten Rennmaschinen im Werk mit neuen Teilen überholt, teilweise bereits den neuen Modellen angepasst und oft an Werksangehörige, oder an ausgesuchte Händler verkauft, die diese dann meist an Privatpersonen weiterveräußerten, oder selbst damit Wettbewerbe bestritten.

Bis ins Jahr 1928 konnte man sein Motorrad bei Sunbeam im Werk überholen und modernisieren lassen. So sind auch 1927er Modelle bekannt, die im Werk modernisiert wurden und viele Details der 1928er Modelle verbaut bekamen.
Im Gegensatz zum Modell 9, waren die Modelle T.T.90 und M90 sehr individuell und es gab selten zwei Motorräder dieses Typs, die völlig gleich waren.


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Graham Walker auf der Vorserien - T.T. 90 Rennmaschine nach seinem
Sieg beim Ulster GP am 3.9.1926
Das Motorrad wurde nach dem Rennen für das PR Foto "aufgehübscht".
Graham Walker beim Start zur Senior T.T. auf der Isle of Man 1927 Das 1927er T.T. Team, links Graham Walker (5. Platz) auf der etwas anderen T.T. 90 Rennmaschine. Ergebnis: Teampreis
retuschiertes Studiofoto
 
Graham Walker nach dem
Sieg beim Großen Preis von Deutschland, der auch als Großer Preis von Europa am 3.7.1927 auf dem Nürburgring ausgetragen wurde
Soll-Auslieferungszustand 1927, linke Seite

Die Sunbeam gelangte anfang/mitte der Sechsziger Jahre von England durch den Rennmaschinensammler und Buchautor Dr. Helmut Krackowizer *4) nach Österreich und ende der Sechsziger Jahre in die berühmte Rennmaschinen Sammlung Walter Brandstetters *5) in St. Pölten / Österreich.
Brandstetter ergänzte das nicht mehr ganz komplette Motorrad mit Teilen aus seinem Fundus, zog die verblasste Linierung auf dem Tank nach und ließ, wie es zu dieser Zeit durchaus üblich war, alle ehemals vernickelten Teile verchromen. Ab ca. 1971/72 stellte er das Motorrad in seiner Sammlung aus.
Die Sunbeam war neben einer Rudge 250 TT Replica Walter Brandstetters Lieblingsmotorrad und eine seiner drei wertvollsten Sunbeams, wenn man der Literatur folgt. Ab 1986 bis Ende 2008 wurde die Sunbeam im Rennsport Museum am Hockenheimring ausgestellt.

Im Februar 2009 gelangte das Motorrad über einen Niederländischen Händler an Buholzer, der damit u.a. einige Oldtimer-Bergprüfungen absolvieren wollte.
Nach mehrfachen Bekunden hatte Buholzer das Motorrad mechanisch komplett restauriert und befand es aber zu alt für solche Prüfungen, weshalb es im Dezember 2011 in meine Hände gelangte.

Der Benzintank der Sunbeam hat einen linksseitigen Quick-Action Tankdeckel und zwei Benzinhähne für eine Doppelschwimmerkammer wie ich es bisher nur bei den Werksrennmaschinen von Graham Walker der Jahre 1926 und 1927 gesehen habe. Auch ist der Quick Action Tankdeckel in der Ausführung aufwendiger gearbeitet und unterscheidet sich ebenso in der Befestigung von den Tankdeckeln der käuflichen Rennmaschinen. Das gleiche gilt für den Quick Action Öltankdeckel.

Graham Walker war seinerzeit Renndirektor, Versuchs- und Werksfahrer bei Sunbeam.
Er gewann 1926 mit einem T.T. 90 Prototyp den Ulster Grand Prix und fuhr die schnellste Zeit im Leinster 100 in Irland. 1927 erreichte er einen fünften Platz bei der engl. Tourist Trophy auf der Isle of Man und gewann im Juli des gleichen Jahres den Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring, der gleichzeitig als Großer Preis von Europa ausgetragen wurde und mit dessen Sieg er Europameister in der 500ccm Klasse wurde.

Da in England und auf der Isle of Man die Tankanlagen auf der linken Seite der Fahrspur installiert waren, lag es nahe dass er sich zum schnelleren Betanken den Tankdeckel auf der linken Seite des Tanks installieren ließ. Sein Motorrad unterschied sich in einigen Details von den Maschinen seiner Teamkameraden sowie von den käuflichen M 90 Modellen.


Die Sunbeam ist in zahlreichen Puplikationen abgebildet und/oder erwähnt worden *7).


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Bildunterschrift aus "Motorräder - Berühmte Marken von AJS bis Zündapp":
Walter Brandstetter, ohne Zweifel der bedeutendste Sunbeam-Sammler am Kontinent, hier hinter den drei wertvollsten Sunbeams seiner Kollektion.
(ca. 1980)
Auszug aus dem Brandstetter Katalog "Schnelle Motorräder und Motoren" von 1969 (Blatteinlage 1972) -
und
Brandstetter Katalog Neuauflage 1979
Das Motorrad im Rennsport Museum am Hockenheimring (ca. 2005) Das Motorrad im Rennsport Museum am Hockenheimring (ca. 2005)  
Vorführfahrt des Vorbesitzers
(Dezember 2011)

Der Rahmen wies einige ältere Löt- bzw. Schweissarbeiten auf, die auf ein nicht unfallfreies Vorleben schliessen liessen und auch die Idee eines evtl. Prototypen untermauerten.
Einige Dinge wurden wohl auf den jeweiligen Fahrer angepasst. So ist z.B. entgegen des üblichen Terry Sattels ein Lycette Aero Sattel montiert, während das Typenschild auf der Satteldecke von Terry ist und vermutlich bei der Erneuerung der Satteldecke durch Brandstetter verwechselt wurde.
Graham Walker saß beim Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring 1927 auf einem Lycette Aero Sattel.
Leider sind die beiden Motorgehäusehälften einmal durch jüngere Bauteile ersetzt worden, eine nicht unübliche Handhabung bei Gehäusebruch oder Modernisierung einer Rennmaschine. Zumal das Schmiersystem im jüngeren Gehäuse weitgehend verbessert wurde.


Der vormals verbaute Vergaser, ein Amal 27/013 Derivat, ersetzte den wohl originalen Amac 10TT25 oder 10TT27 Vergaser und wurde von Buholzer gegen einen moderneren Amal 289 Vergaser ausgetauscht.

Nach umfangreichen Untersuchungen des Rahmens war eine Zerlegung des Motorrades und korrekte Rekonstruierung unumgänglich. Bei der Zerlegung des Fahrgestells kamen erste Zweifel über die von Buholzer mehrfach erwähnte komplette mechanische Restaurierung auf.
Doch davon mehr in Die Restaurierung


ex. Beat Buholzer Sunbeam ex. Beat Buholzer Sunbeam ... ... ...
ex. Beat Buholzer Sunbeam wie sich das Motorrad darstellte von vorne...  Quick-Action Tankdeckel mit filigranem Knebel Quick Action Öltankdeckel



*1) Sport Modell 9: Ähnlicher Rahmen wie Modell 90, Amac Serienvergaser 1" oder 15/16", Ein-Port Zylinderkopf mit Ventilfedern als Schraubenfedern ausgebildet, Öltank im Benzintank integriert, Verlustschmierung, Tourenschutzblech vorne, Gepäckträger hinten, Leistung ca. 22 - 24 PS, andere Tankform, Standard Hinterrad. Auf Wunsch Auslieferung mit Haarnadelventilfedern, Sportschutzblech vorne, 19" oder 20" Rädern, geschlossener Kettenkasten für die Sekundärkette, versch. Getriebeübersetzungen. (u.a. beliebte Privatfahrer Rennmaschine)

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*2) Modell T.T.90: Trockensumpf-Umlaufschmierung, separater Öltank, Rennmagnet (volle Frühzündung bei Hebel in Ruhelage, nur auf Wunsch), Amac TT Vergaser 10TT25 oder ab ca. September 1927 Amac 10MDY Type, Two-Port- bzw. Doppel-Port Zylinderkopf mit Haarnadel-Ventilfedern, größeres Einlaßventil, zurückverlegte Fußrasten, Fußbremshebel auf beiden Seiten, kein Kickstarter, Zusatz-Handölpumpe zur zusätzlichen Schmierung der Nockenwellenbahnen bei längerer Volllastfahrt, Sunbeam Drop-Out Hinterrad, Terry oder Lycette Sattel, Verdichtung ca. 7,5:1, Dunlop Racing Tyres, 11 Liter Benzintank, Benzin- und Öltank mit Quick-Action Verschlussdeckel, Rennnockenwellen, Stahlkurbelwangen, Leistung ca. 28-30 PS. Auf Wunsch mit Werkzeugbox, verschiedene Getriebeübersetzungen, 20" oder 21" Radgrößen.

Gemessene Spitzengeschwindigkeiten von 110 Miles per hour.

T.T.90 Modelle wurden immer sehr individuell für den jeweiligen Fahrer hergestellt.

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*3) Modell 90: Wie Modell T.T. 90, jedoch Fußrasten in Tourenlage, ein Fußbremshebel vorne links, Kickstarter, Verdichtung 7,0:1, mit Ghost-Schalldämpfern und daraus resultierendem anderem Hinterradständer, M.L. Zündmagnet mit Spätzündung in Ruhelage, Leistung ca. 24-26 PS, auf Wunsch mit Tourenschutzblech vorne und abnehmbaren Gepäckträger hinten und geschlossenem Kettenkasten für die Sekundärkette.

Weiterhin konnten Käufer 1927 Radgrößen zwischen 19" und 21" wählen, ebenso Lichtanlagen von Lucas oder Bosch und beim T.T.90 Modell auch eine Verdichtung von 9.0:1 für Bahnrennen, Doppelgashebel für Drossel und Luftschieber oder Drehgasgriff in Normal oder Quick-Action Ausführung sowie Hebel für Luftschieber. Desweiteren bestand die Möglichkeit auch Zubehör wie Scherendämpfer von Bentley & Draper zu ordern.


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*4) Helmut Krackowizer (* 29. April 1922 in Frankenmarkt, Oberösterreich, Österreich; 22. Oktober 2001 in Salzburg, Österreich) war ein angesehener österreichischer Fachmann für Motorradgeschichte. Aufgrund seiner lebenslangen Leidenschaft zur englischen Motorradmarke Rudge erhielt er von seinen englischen Freunden den Beinamen "Mister Rudge". Sein Autokennzeichen war: S Rudge 1, sein Leben gehörte den Motorrädern.
Nachdem er sich 1955 von der aktiven Rennfahrertätigkeit zurückgezogen hatte, begann er historische Motorräder in ganz Europa aufzuspüren. Einige dieser Funde behielt er, ließ sie restaurieren, tauschte und verkaufte sie wieder. 1967 gründete er einen der ersten Motor Veteranen Clubs in Österreich. 1976 war Krackowizer auch kurze Zeit Präsident des österreichischen Motor-Veteranen-Verbands.
Quelle: Wikipedia

*5) Walter Brandstetter, (* 1.2.1909 in St. Pölten/Österreich, um 1987) Bahnrennfahrer, Auto und Motorradhändler in St. Pölten, begann ab 1959 alte Rennmaschinen und Motoren zu sammeln. Sein Augenmerk lag insbesondere auf Rennmaschinen die einmal von Österreichischen Fahrern bewegt wurden. Seine Sammlung betrug etwa 60 Rennmaschinen und 50 Motoren. Im Jahre 1982 veräußerte er seine Sammlung an das Rennsportmuseum Hockenheim.

*6) Graham William Walker (* 1896 in Wallington, Surrey; 7. September 1962 in New Forest, Hampshire) war ein britischer Motorradrennfahrer, und Journalist. In den frühen 1920er-Jahren war Graham Walker Werksfahrer für Norton, die in Birmingham beheimatet waren. 1923 fuhr er im Gespann-Rennen der Isle of Man TT den zweiten Rang hinter dem Douglas-Duo Freddie Dixon / Walter Derry ein. Im folgenden Jahr konnte Walker auf Sunbeam mit dem Sieg im 500-cm³-Rennen um den Großen Preis der Schweiz auf dem Circuit de Meyrin in Genf seinen ersten internationalen Erfolg verbuchen. Im Jahr 1925 wechselte Graham Walker als Renndirektor und Werksfahrer endgültig zu Sunbeam nach Wolverhampton. 1926 gewann er den 500er-Lauf des Ulster Grand Prix in Nordirland. Im folgenden Jahr siegte der Brite beim Halbliterlauf um den Großen Preis von Deutschland auf Nürburgring, bei dem die Titel der Motorrad-Europameisterschaft 1927 vergeben wurden, vor Stanley Woods (Norton) und Cecil Ashby (Rudge), und krönte sich damit zum ersten mal in seiner Laufbahn zum Europameister. Zur Saison 1928 wechselte Graham Walker von Sunbeam zu Rudge nach Coventry, wo er Verkaufs- und Rennleiter wurde und seine Rennfahrerkarriere fortsetzte.
Quelle: Wikipedia


*7) Abbildungen und Erwähnungen des Motorrades in der Zeitschrift "Oldtimer Markt", Heft 6 Juni 1987
PS- Die Motorradzeitung (Heftnummer unbekannt)
Motorrad Classic Heft 1/2000
Motorräder Berühmte Marken von AJS bis Zündapp, Helmut Krackowizer 1981
Sunbeam Motorcycles, Robert Cordon Champ 1979
Automobil+Motorrad Chronik, Heft 3/1982
Sammlung Brandstetter "Schnelle Motorräder und Motoren", Walter Brandstetter 1. Auflage 1969
Sammlung Brandstetter "Schnelle Motorräder und Motoren", Walter Brandstetter Neuauflage 1979
Motor-Sport Museum Hockenheimring, Museumsführer 1988
Motorräder Berühmte Konstruktionen, 2. Band, Erwin Tragatsch 1979
Österreichische Kraftfahrzeuge, Hans Seper, Helmut Krackowizer, Alois Brusatti 1982


Quellennachweis: Die hier gezeigten Abbildungen entstammen teils aus dem Internet, Bundesarchiv, Illustrated Story of the Sunbeam Motorcycles von Robert Corden Champ, Zeitungsarchiven, Sunbeam Motorcycles John Marston LTD, Mick Easton, Motorräder - Berühmte Marken von AJS bis Zündapp von Dr. Helmut Krackowizer, eigene. Über weitere Bilder würde ich mich sehr freuen.




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